Qualifizierung, Industrie 4.0

Wissensarbeit in der Digitalen Fabrik

Der Zwiespalt zwischen Systematisierung und Kreativität
Lesedauer:  4 Minuten
©AdobeStock/fotomek
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Die Beherrschung komplexer Unternehmensstrukturen und technischer Systeme sowie der Umgang mit innovativen IT-basierten Methoden und Werkzeugen der Digitalen Fabrik als Basis eines durchgängigen Engineerings erfordern heute von allen beteiligten Akteuren ein umfassendes, stets aktuelles Grundsatz-, Fakten-, und Handlungswissen. Wissen ist somit mehr denn je ein entscheidender Produktivitätsfaktor und ein wichtiger Bestandteil des Unternehmenskapitals. Der vorliegende Beitrag möchte die mit dem Einsatz der Methoden und Werkzeuge in der Digitalen Fabrik verbundene Wissensarbeit näher beleuchten und Ansätze zur Unterstützung dieser Wissensarbeit aufzeigen.

Ausgehend von einem zuvor erarbeiteten Verständnis von Wissensarbeit im Rahmen der Digitalen Fabrik wird ein Ansatz für Wissensmanagement in der Digitalen Fabrik vorgestellt. Dieser Ansatz unterstützt Mitarbeiter systematisch bei der Steigerung ihrer Produktivität und hilft ihnen anhand geeigneter Methoden, das Problem einer schnellen Überforderung in Bezug auf notwendige Wissensarbeit zu lösen. Der Ansatz zeigt, wie mithilfe einer offenen IT-basierten Wissensumgebung für Mitarbeiter im Rahmen der Digitalen Fabrik Wissen zugänglich gemacht werden kann und somit das Erarbeiten von Wissen zur Überbrückung der zuvor beschriebenen Lücke zwischen der Anforderung an eine Arbeit und der vorhandenen Qualifikation geschlossen wird.

Neben diesem übergeordneten Konzept wird beispielhaft auch die ereignisdiskrete Simulation als Methode im Rahmen der Digitalen Fabrik betrachtet und aufgezeigt, inwieweit Ansätze zur Systematisierung denkbar sind, um die Produktivität bei Simulationsstudien zu erhöhen, ohne aber die Kreativität und Innovationskraft der jeweiligen Prozesse zu beeinträchtigen. Insbesondere werden Unterstützungsansätze durch den Einsatz geeigneter Assistenzsysteme in Simulationsstudien vorgestellt und auf deren Eignung zur Produktivitätssteigerung von Wissensarbeitern beurteilt.

Der Aufbau des Beitrages gliedert sich in drei Kapitel. Kapitel 2 gibt dem Leser einen kurzen Überblick hinsichtlich des Verständnisses von Wissensarbeit und Wissensarbeitern, um darauf folgend die Intensität an Wissensarbeit für Tätigkeiten im Rahmen der digitalen Fabrik herauszuarbeiten. Mit diesem Verständnis wird in Kapitel 3 ein übergeordnetes Konzept zum Umgang mit Wissen innerhalb der Digitalen Fabrik vorgestellt. Kapitel 4 betrachtet beispielhaft Methoden zur Unterstützung von Wissensarbeit in der ereignisdiskreten Simulation. Der Beitrag schließt mit einem kurzen Fazit.

2 Wissensarbeit und die Digitale Fabrik

In den folgenden Abschnitten werden zunächst das in diesem Beitrag zugrundeliegende Verständnis von Wissensarbeit sowie die Inhalte und Aufgaben der Digitalen Fabrik erläutert. In einem abschließenden Abschnitt wird daraufhin die Zusammenführung der Begrifflichkeiten vorgenommen und damit zusammenhängend auch das inhaltliche Verständnis hinsichtlich der Wissensarbeit im Rahmen der Digitalen Fabrik geschaffen.

2.1 Die Bedeutung von Wissensarbeit

Der Begriff der Wissensarbeit beschreibt diejenigen Tätigkeiten, die vorwiegend immaterielle Leistungen hervorbringen. Diese sind inhaltlich abzugrenzen von Tätigkeiten, deren Wertschöpfungsanteil hauptsächlich durch materielle Leistungen bestimmt wird, wie z. B. die Montage von Produkten. Ein entscheidendes Indiz zur Abgrenzung von Wissensarbeit und Tätigkeiten, die nicht im Zusammenhang mit Wissensarbeit zu betrachten sind, ist meist das Fehlen repetitiver Aufgaben. Folglich wird ein wesentlicher Faktor von Wissensarbeit nicht durch das Wissen selbst, sondern vielmehr durch das Nichtwissen und den kreativen Prozess zur Beseitigung dieses Nichtwissens dargestellt (Hermann 2004).

Personen, deren Aufgabe die Bewältigung von Wissensarbeit ist, werden in der einschlägigen Literatur als sogenannte Wissensarbeiter bezeichnet (vgl. u. a. Renken et al. 2011, Riedl/Schauer 2010 sowie Dörhöfer 2010), deren Aufgabe laut Davenport et al. (1996) die Tätigkeiten sind, die sich insbesondere auf den Erwerb, das Erzeugen, das Bündeln sowie die Anwendung von Wissen konzentrieren. Diese Tätigkeiten werden immer dann von Personen gefordert, wenn zwischen den Anforderungen an eine Arbeit und der Qualifikation der betreffenden Person eine Lücke besteht, die zur Lösung eines bestehenden Problems zu schließen ist.

Geht es bei der industriellen Produktion immer mehr um Standardisierungen und Automatisierungen von Arbeitsprozessen zur Steigerung der Produktivität auf der einen Seite und zur Erhöhung der Qualität auf der anderen, so liegt der Mehrwert durch die Verrichtung von Wissensarbeit in einem individualisierten kreativen Prozess. Ziel dieses Prozesses ist das Transformieren von Informationen, die für ein Unternehmen für weitere Zwecke von Nutzen sind (Hermann 2004). 

North/Güldenberg (2008) haben für den Prozess der Wissensarbeit ein einfaches Modell entwickelt (vgl. Bild 1), welches die Transformation von Informationen in Form einer „Input-Output-Beziehung“ darstellt. Der wertschöpfende Prozess der Transformation ist dabei basierend von einer spezifischen Problemstellung (Input) in fünf miteinander in Wechselwirkung stehende wertschöpfende Komponenten zu unterscheiden, deren Durchlaufen zur Lösung der Problemstellung führt (Output).

Christian Willmann, Dennis Abel, Sigrid Wenzel,
Wissensarbeit in der Digitalen Fabrik
Bild 1: Prozessmodell der Wissensarbeit (Eigene Darstellung in enger Anlehnung an North/Güldenberg 2008).

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