Simulation

Das Industrial Metaverse kommt: smart, integrierbar, kollaborativ

Im Gespräch mit Jan Berner, Leiter Technik und Prozesse FEYNSINN/EDAG Group
13.05.2025 - von Redaktion FI
Lesedauer:  5 Minuten
Jan Berner, FEYNSINN/EDAG
Jan Berner, Leiter Technik und Prozesse FEYNSINN/EDAG Group © KreativMedia

Ihre Kollaborationsplattform für das Industrial Metaverse wurde mit dem Factory Innovation Award 2025 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Ihr Unternehmen?

Sie ist eine Bestätigung unserer Innovationskraft und unseres Engagements, die digitale Transformation der Industrie aktiv mitzugestalten. Besonders stolz sind wir darauf, dass die Auszeichnung unseren ganzheitlichen Ansatz unterstreicht: Bei uns sind tiefes Prozesswissen aus der Produktion mit IT-Kompetenz vereint – eine Kombination, die für die Entwicklung innovativer Fertigungsanlagen unverzichtbar ist. Wir schaffen Brücken zwischen virtueller und realer Welt.

Was verstehen Sie konkret unter dem Industrial Metaverse?

Das Industrial Metaverse (IMV) ist die Heimat der Digitalen Zwillinge. Hier interagieren virtuelle Versionen von Produkten und Produktionsprozessen. In dem Rahmen bringen wir Smart Product, Smart Factory und Smart People zusammen. Dadurch lässt sich beispielsweise die Time-to-Market beschleunigen – wir sprechen da von über 30 Prozent. Ebenso unterstützt das IMV Innovationen, denn die zugrundeliegende Software wird von Anfang an mitgedacht und entsteht nicht als Fremdkörper. Nach einer ersten Planungsphase mit dem IMV lassen sich die virtuelle Umgebung und eine reale Produktion über das Internet of Things (IoT) nahtlos verbinden. Danach sind Simulationen, Vorhersagen und Optimierungen möglich.

Was macht Ihr Angebot so einzigartig?

Unsere Plattform basiert auf modernster Technologie und fußt auf einem tiefen Verständnis industrieller Prozesse. Wir verstehen uns als digitaler Integrator für die Technologie von morgen. Was uns besonders auszeichnet, ist unser integrativer Ansatz: Wir denken nicht in Silos, sondern vernetzen Prozesse, Daten und Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Unsere Kunden profitieren sogar bereits von positiven Effekten, wenn sie nur einzelne Teilaspekte des Industrial Metaverse bei sich implementieren. Als Engineering-Partner gehen wir digital und ganzheitlich an unsere Projekte. Unser Slogan dafür ist: Wir machen fertig. Das bedeutet, dass die Produkte unserer Kunden im Markt zuverlässig funktionieren und zusammen errichtete Anlagen effizient produzieren können.

Heimat der digitalen Zwillinge: Im Industrial Metaverse (IMV) interagieren virtuelle Versionen von Produkten und Produktionsprozessen
Heimat der Digitalen Zwillinge: Im Industrial Metaverse (IMV) interagieren virtuelle Versionen von Produkten und Produktionsprozessen. © EDAG Group

Bitte schildern Sie uns an einigen Beispielen aus Ihrer Praxis, welche Vorteile mit Ihrer Industrial-Metaverse-Plattform verbunden sind.

Das IMV fördert die Zusammenarbeit über alle Teile einer Produktion. Strategische Entscheider, Projektleiter und Shopfloor-Teams haben alle Zugang zu relevanten Informationen – in der für sie passenden Tiefe. So können Entscheidungen faktenbasiert, schnell und nachvollziehbar getroffen werden. Ein Use Case ist etwa die optimierte Produktionsplanung.

Durch den Einsatz von Digitalen Zwillingen und KI-gestützter Analyse können unsere Kunden Engpässe frühzeitig erkennen, Gegenmaßnahmen einleiten und insgesamt die Effizienz in ihrer Produktion steigern. Ein weiteres Beispiel ist die vorausschauende Wartung. Unsere Plattform ermöglicht es mit Blick auf Maschinen, Fehler und Anomalien frühzeitig zu identifizieren und direkt zu handeln. Das Ergebnis: weniger Verschwendung, geringere Emissionen und eine nachhaltigere, effizientere Produktion dank KI.

Es geht also auch um Künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt sie genau?

Es gibt bereits viele Anwendungsfälle in den Bereichen Produktionsqualität und Wartung, aber das KI-Potenzial in der Industrie ist noch lange nicht ausgeschöpft. Mit unserem Partner NVIDIA haben wir die Vision, dass es neben einer realen Fabrik immer eine virtuelle KI-Fabrik gibt. So können unsere Kunden Simulationen durchführen und die KI trainieren. Für die technische Umsetzung setzen wir auf verschiedene Komponenten. Dazu gehören neben Technologie von NVIDIA auch weitere Partner wie z. B. exentra und COMAN.

Wir haben unsere Plattform auch so ausgelegt dass wir sehr schnell und einfach weiter Softwarelösungen integrieren können entsprechend den Anforderungen unserer Kunden. Die exp Software fungiert als Digital Thread-Plattform, die sämtliche Prozess- und Produktionsdaten mit allen Beteiligten vernetzt. Dies schafft ein Umfeld, das multidimensionalen Zugriff auf die Entwicklung und Produktion komplexer Produkte ermöglicht und durch informierte Mitarbeitende die Effizienz und Kompetenz steigert. 

In Kombination mit Plattformen wie NVIDIA Omniverse können auf dieser Grundlage Produktionsanlagen mithilfe von KI effizienter gestaltet und z.B. auch humanoide Roboter trainiert werden.

Sie haben gerade die Zusammenarbeit von EDAG mit NVIDIA erwähnt. Auf der diesjährigen Hannover Messe präsentierten Sie auch gemeinsam das Industrial Metaverse. Wie ist diese Kooperation entstanden und welche Synergien ergeben sich aus ihr?

Unsere Kooperation entspringt einem gemeinsamen Ziel: die Zukunft der industriellen Wertschöpfung durch die Verbindung fortschrittlicher Technologie mit tiefem Produktions-Know-how aktiv zu gestalten. EDAG und NVIDIA sind für die Erreichung dieses Ziels ein ideales Match. Wir von EDAG bringen unsere Expertise in der Produkt- und Produktionsentwicklung sowie in der Realisierung komplexer Fertigungsanlagen mit. NVIDIA liefert die nötige Technologieplattform und KI-Know-how für das IMV.

Gerade in der Verzahnung von Technologie und industriellem Prozessverständnis liegt ein großer Mehrwert. Nur durch ein funktionierendes Zusammenspiel von Technologie und Wissen lassen sich Digitale Zwillinge, eine simulationsgestützte Entwicklung von Produkten und eine intelligente Produktionsplanung unkompliziert realisieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die Trends sowohl im Bereich des Industrial Metaverse als auch in der digitalen Transformation der Fertigungsindustrie?

Ein klarer Trend ist die zunehmende Integration von Digitalen Zwillingen in der Industrie. Diese virtuellen Abbilder von Produktionsprozessen schaffen eine neue Übersicht für Steuerung und Optimierung. In dieser geschützten virtuellen Umgebung können Unternehmen neue Technologien und Prozesse testen, ohne die laufende Produktion zu gefährden – ein enormer Vorteil für Innovationsprozesse. Der zweite große Trend ist die verstärkte Nutzung von KI und Automatisierung. Diese Entwicklung ist besonders für den europäischen Wirtschaftsraum relevant, wo der zunehmende Fachkräftemangel und hohe Lohnkosten die Unternehmen vor große Herausforderungen stellt.

Wie wird eine moderne Fabrik in zehn Jahren aussehen?

Die Fertigungsindustrie wird einen tiefgreifenden Wandel erleben. In Zukunft wird jede moderne Fabrik ihren Digitalen Zwilling haben. Diese digitalen Modelle werden immer enger mit KI-Systemen verknüpft sein. So können Unternehmen ihre Produktion in Echtzeit überwachen, steuern und verbessern, bevor sie Änderungen in der realen Fabrik umsetzen. Eine weitere wichtige Entwicklung wird der immer stärkere Einsatz von humanoiden Robotern in der Produktion sein. Diese Roboter werden anspruchsvolle und körperlich belastende Aufgaben übernehmen.

Mit dem Industrial Metaverse gehen wir den ersten Schritt in die Zukunft der Fertigung. Das IMV wird als Plattform fungieren, die es Unternehmen ermöglicht, all diese Entwicklungen virtuell zu testen, bevor sie in der realen Welt umgesetzt werden. Dies reduziert Risiken und beschleunigt die Implementierung von Innovationen in einer zunehmend vernetzten und automatisierten Produktionslandschaft.


Potenziale: Digitaler Zwilling Prozesse automatisieren

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