Prozessverbesserung

„Wir sprechen unsere Kunden auf Augenhöhe an“

Norbert Gronau im Gespräch mit Sanjay Brahmawar, CEO von QAD | Redzone, Hannover Messe
29.05.2026 - von Redaktion FI
Lesedauer:  5 Minuten
QAD Interview Sanjay Brahmawar © F. Goldmann
© F. Goldmann

Was braucht es, damit ein globales Softwareunternehmen im deutschsprachigen KMU-Markt wirklich ankommt? Sanjay Brahmawar von QAD bringt dafür eine besondere Perspektive mit: Er kennt Deutschland aus eigener Erfahrung und sieht gerade in der EMEA-Region großes Potenzial. Im Interview spricht er darüber, warum frühere Ansätze oft zu kurz gegriffen haben und was sich jetzt verändert. Im Mittelpunkt steht eine Fertigungsplattform, die ERP nicht mehr nur aus der Finanzperspektive denkt, sondern konsequent von der Produktion her aufbaut – ergänzt durch eine agentenbasierte KI, die operative Abläufe unterstützt und Entscheidungen näher an das Tagesgeschäft bringt.

Für die Medienkooperation zwischen QAD und FACTORY INNOVATION stellt sich die Frage: Wie kann QAD | Redzone seine Präsenz im deutschsprachigen Raum weiter ausbauen? International ist QAD ja bereits ein bedeutender Akteur, während die Sichtbarkeit auf dem deutschen Markt bislang noch ausbaufähig ist.

Da ich als CEO eines deutschen Unternehmens zehn Jahre lang in Deutschland gelebt habe, kenne und verstehe ich den hiesigen Markt sehr gut. Besonders im deutschen Mittelstand, den ich sehr wertschätze und der unserem idealen Kundenprofil entspricht, sehe ich enormes Potenzial. Gerade diesen mittelständischen Unternehmen wollen wir unsere Technologien zugänglich machen.

Trotz unserer Ambitionen für den Standort Deutschland sind wir in der Vergangenheit nicht immer mit den passenden Ansätzen und Lösungen herangegangen. Inzwischen aber verfügen wir – insbesondere dank KI – über starke Fähigkeiten, die wir sehr schnell in die Fertigung bringen können. Genau das realisieren wir über unsere Fertigungsplattform. Diese Plattform besteht im Wesentlichen aus drei Teilen.

Der erste Bestandteil ist die „Red Zone“, also die vernetzte Belegschaft. Dabei geht es um Daten direkt am Arbeitsplatz, die den Mitarbeitenden an vorderster Front neue Möglichkeiten eröffnen. Hinzu kommt „Adaptive“, unser ERP-System, das ich als intelligentes Rückgrat bezeichne, da es

sämtliche Prozesse abdeckt. Der dritte Baustein ist „ChampionAI“, unsere agentische KI-Ebene. Dabei handelt es sich nicht um eine generische Schicht an der Spitze, sondern um eine tief integrierte Ebene, die sowohl in die vernetzte Belegschaft als auch in das ERP-System eingebettet ist.

Wir stellen unseren Kunden Agenten in drei Kategorien zur Verfügung, wobei sich die erste Kategorie auf sämtliche Rollen in der Fertigung konzentriert. Genau hier liegt unsere besondere Stärke: Wir sind tief in der Fertigung verwurzelt. Unser System wurde konsequent ausgehend von der Stückliste konzipiert. Systeme, die auf dieser Grundlage entwickelt werden, sind besonders durchdacht und leistungsfähig.

… Anders als generische ERPs, die fast alle von den Finanztransaktionen und dem Ablauf ausgehen anstatt von der Stückliste.

Ja, genau. Wir sind in unseren Kernbranchen besonders stark positioniert. Dazu zählen vor allem die Automobilindustrie, die Fertigungsindustrie, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie die Medizintechnik.

Wir stellen Agenten in drei zentralen Bereichen bereit. Der erste Bereich umfasst persona-basierte Agenten. Dabei werden typische Rollen wie Werksleiter, Vorgesetzte oder Planer definiert, die jeweils bestimmte Aufgaben im System ausführen. Für diese Personas haben wir Agenten entwickelt, die viele Routineaufgaben übernehmen. Das steigert die Produktivität erheblich und ermöglicht es den Mitarbeitenden, sich auf wichtigere Entscheidungen zu konzentrieren.

Der zweite Bereich betrifft Prozesse mit direktem Einfluss auf die Gewinn- und Verlustrechnung eines Unternehmens. Ein gutes Beispiel sind Lagerhaltungskosten, die in vielen Fertigungsbetrieben zu den größten Kostenfaktoren zählen. Unsere Agenten analysieren den gesamten Materialfluss – vom Wareneingang über die Produktion bis zum Versand – und optimieren die Bestandsmengen. Dadurch lassen sich Engpässe vermeiden, die eines der größten Probleme in der Fertigung darstellen. Da Menschen hier oft konservativer agieren, erzielen die Agenten bessere Ergebnisse. In der Praxis sehen wir bereits nach wenigen Monaten Bestandsreduktionen von 15 bis 25 Prozent, was sich direkt positiv auf die Marge auswirkt. Gerade im Mittelstand, wo EBITDA-Margen häufig nur zwischen 8 und 12 Prozent liegen, machen schon kleine Verbesserungen einen großen Unterschied.

Der dritte Bereich betrifft die Implementierung: Wie lässt sich ein System innerhalb von nur 90 Tagen in einem mittelständischen Fertigungsunternehmen einführen? Dafür setzen wir spezielle Agenten ein, die Aufgaben wie Datenmigration, Datenvalidierung, Tests, Konfiguration und die Übertragung individueller Anpassungen übernehmen. Ergänzt wird dies durch unsere Methodik „Champion Pace“, mit der wir eine vollständige Implementierung in 90–150 Tagen realisieren können.

Norbert Gronau im Gespräch mit Sanjay Brahmawar.
Norbert Gronau im Gespräch mit Sanjay Brahmawar, QAD | Redzone. © F. Goldmann

Haben Sie bereits Pilotkunden?

Ja, wir sind mit diesen Kunden bereits live gegangen.

Können Sie einige nennen?

Tenneco, ein amerikanischer Autozulieferer für Sitze, ist ein gutes Beispiel aus der Automobilbranche, für den wir ein adaptives ERP implementiert haben.

Wie sehen Sie Ihre Position auf dem amerikanischen Markt?

Ich bin in Miami ansässig – auch deshalb, weil ein Großteil unserer US-Kunden im Mittleren Westen und an der Ostküste sitzt, etwa in Regionen rund um Chicago, wo viele Unternehmen aus der Automobilindustrie angesiedelt sind.

Um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen, wie wir wachsen wollen: Wir investieren gezielt in die EMEA-Region. Dafür haben wir neue Führungskräfte eingestellt, darunter Sania Khan als General Manager für unser ERP-Geschäft sowie Ahmad Salama als General Manager für den Bereich Red Zone. Aktuell bauen wir unter ihrer Leitung starke Teams auf – nicht nur für den Vertrieb und den Marktzugang, sondern vor allem, um unsere Lösungen erfolgreich bei Kunden zu implementieren.

Gleichzeitig sind wir überzeugt: Wir können diesen Weg nicht allein gehen. Deshalb etablieren wir ein starkes Partner-Ökosystem, das uns insbesondere bei der Umsetzung vor Ort und in den jeweiligen Landessprachen unterstützt. Denn gerade im Mittelstand ist es entscheidend, Kunden auf Augenhöhe und in ihrer eigenen Sprache anzusprechen – sei es in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien oder Portugal.

Bei ERP-Projekten stellt sich oft die Frage, wo die finalen Entscheidungen getroffen werden – etwa zentral in den USA oder vor Ort in Europa. Meine Erfahrung mit deutschen Unternehmen zeigt: Lokale Entscheidungswege sind hier oft ausdrücklich erwünscht.

Das können wir bestätigen. Deshalb haben wir bewusst regionale Verantwortliche eingesetzt, die die nötige Entscheidungsbefugnis haben und den Markt genau kennen. Ihr Hinweis, europäischen Teams ausreichend Handlungsspielraum zu geben, ist daher sehr wertvoll – und genau in diese Richtung gehen wir bereits.


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