Lean Production

Standortsicherung durch Trainings in der LEAD Factory

Im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Christian Ramsauer, Technische Universität Graz
14.05.2025 - von Redaktion FI
Lesedauer:  5 Minuten

Trainings in der LEAD Factory vermitteln praxisnahes Wissen über Lean, Energieeffizienz und Emissionen (CO2), agile Produktion und Digitalisierung. Durch Learning-by-Doing erwerben die Teilnehmenden zentrale Kompetenzen für Effizienz und Produktivität.

Univ.-Prof. Dr. Christian Ramsauer, Vorstand des IIM-Instituts an der TU Graz © IIM TU Graz
Univ.-Prof. Dr. Christian Ramsauer, Vorstand des IIM-Instituts an der TU Graz © IIM TU Graz

Seit wann gibt es Ihre Lernfabrik und wie ist es dazu gekommen?

Die Technische Universität Graz ist in einer starken Industrie-Region mit einer der höchsten Forschungsquoten im gesamten EU-Raum eingebettet, ähnlich dem Stuttgarter Raum. Neben der Produktentwicklung spielt die Produktion und damit die Standortsicherung eine bedeutende Rolle. 

Schon vor meinem Dienstantritt an der TU Graz im Jahr 2011 stand für mich fest, eine eigene Lernfabrik aufzubauen. Einer der Pioniere in diesem Bereich war Prof. Eberhard Abele vom PTW-Institut der TU Darmstadt, der 2006 gemeinsam mit dem damaligen McKinsey-Deutschland-Chef Jürgen Kluge das „Handbuch Globale Produktion“ veröffentlichte und gleichzeitig die erste Lernfabrik (Prozesslernfabrik CiP) ins Leben rief. Meine damaligen McKinsey-Kollegen unterstützten beim Aufbau der ersten Curricula und führten Pilottrainings für Klienten durch – das war für mich der entscheidende Impuls, die LEAD Factory an der TU Graz zu etablieren.

Was verbirgt sich hinter dem Namen LEAD Factory?

Die LEAD Factory ist der Name unserer Lernfabrik. Dabei handelt es sich um eine Lernumgebung, welche reale Industrieprozesse, insbesondere die Montage, aber auch eine kleine Fertigung nachbildet und prozessuale Veränderungen erlebbar macht. Das Akronym LEAD steht für die vier Schulungsthemen Lean Management, Energieeffizienz und Emissionen (CO2), Agilität und Digitalisierung. Zugleich symbolisiert LEAD auch unser Ziel: Menschen und Organisationen in ihrer Entwicklung zu führen und zu stärken.

Steht LEAD auch dafür, dass Ihre Lernfabrik den Weg weist?

Richtig. Unsere Trainings und Workshops – egal ob für Studierende oder Unternehmen – starten stets mit einem bewusst suboptimalen Ausgangszustand. Bei unseren Lean-Schulungen ist beispielsweise Verschwendung allgegenwärtig: lange Wege, schlechte Logistik, hohe Lagerbestände, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Kurze Theorieeinheiten sensibilisieren die Teilnehmenden für das Thema und vermitteln ihnen, worauf es ankommt.

Dann geht’s in die Lernfabrik. Im Verlauf eines Schulungstages kommen weitere Methoden und Werkzeuge hinzu und der Ausgangszustand wird in vielen praktischen Übungen immer weiter optimiert. Nach jeder Iteration erfolgt ein Erfahrungsaustausch zwischen den 12–18 Teilnehmern. Diese Diskussionen festigen das Erlernte zusätzlich. Viele Teilnehmer sind am Ende überrascht, mit wie wenig Aufwand man erhebliche Produktivitätssteigerungen erzielen kann. 

Was macht die LEAD Factory besser als andere Trainingsangebote?

Die Nachstellung realer Situationen in einem Industriebetrieb erlaubt ein problembasiertes Lernen, was in dieser Form und Effektivität nur in Modell- oder Lernfabriken möglich ist. Außerdem können die Teilnehmer jederzeit risikolos eigene Ideen ausprobieren und sich von deren Wirkung überzeugen. Der Lehransatz lautet dabei stets: erleben, verstehen, anwenden. Das ist Lernen in der Praxis und das Erlernte bleibt deshalb dauerhaft im Gedächtnis, in jedem Falle aber besser und deutlich länger als durch Theorieeinheiten, typische Übungen oder Gamification. 

Man darf auch die soziale Komponente nicht unterschätzen. Alle Aufgaben werden in Teams gelöst und teilweise als Challenges gestaltet – nur die beste Lösung wird praktisch umgesetzt. Dies steigert nicht nur den Lernerfolg, sondern fördert auch Motivation und Teamgeist.

Als weiteren Vorteil sehe ich, dass unsere Lernfabrik eine Art Spielwiese darstellt. Hier kann man neue Konzepte und Methoden testen, ohne dabei ein Risiko einzugehen. In einer realen Fabrik, welche profitabel sein muss, ist es eben nicht möglich versuchsweise Arbeitsstationen umzustellen oder die Losgröße beliebig zu variieren. In der LEAD Factory hingegen schon.

Scootermontage in der LEAD Factory der TU Graz
Scootermontage in der LEAD Factory der TU Graz © IIM TU Graz

Was macht Ihr Angebot so einzigartig?

Unsere 28 modular aufgebauten Lerneinheiten decken ein breites Themenspektrum ab und lassen sich flexibel kombinieren. Das war laut Jury auch einer der Gründe, weshalb wir heuer den Factory Innovation Award gewonnen haben. Unsere Module dauern selten länger als eine Stunde und setzen auf bekannte Szenarien auf. Daher lassen sich viele Inhalte in einem Schulungstag unterbringen. Unsere Bandbreite reicht vom Toyota-Produktionssystem über Qualitätsmanagement bis zu Themen wie IoT und Nachhaltigkeit – und das auf fachlich hohem Niveau.

Warum sollten Unternehmen in Krisenzeiten schulen?

Weil sich Effizienz immer lohnt. Schlanke Prozesse sparen nicht nur Geld und Energie, sie erleichtern auch die Digitalisierung. So werden Unternehmen widerstandsfähiger. Zudem können durch internen Kompetenzaufbau Beratungsleistungen gezielt eingespart werden. Und in Krisenzeiten hat man endlich Zeit an den Prozessen zu arbeiten und noch wichtiger, die Mitarbeitenden zukunftsfit zu machen.

Wie profitieren Teilnehmer und Unternehmen von der Schulung?

Welche Impulse ein Teilnehmer genau mitnimmt, ist von den gewählten Modulen abhängig. Im Falle einer Lean-Basisschulung dürfte es sicherlich die Erkenntnis sein, dass weniger Ballast mehr Effizienz bedeutet. Wer sich hingegen für Energieeffizienz entscheidet, lernt das nötige Handwerkszeug, um Energieverbräuche nicht nur zu messen, sondern auch interpretieren und senken zu können.

Das gilt auch abseits unserer etablierten Themen. Ein Teilnehmer unserer Pilot-Schulung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung hatte den direkten Vergleich mit einem Seminar einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und uns ein deutlich besseres Zeugnis ausgestellt. Bei uns fand er Antworten auf seine Fragen.

Allen Modulen ist jedoch gemein, dass durch die unmittelbare Anwendung Wissen langfristig verankert wird. Auch die dazugehörigen Diskussionsrunden prägen. Durch die selbst erarbeiteten Resultate stellt sich gleich ein Erfolgserlebnis ein. Diese Motivation nimmt ein Teilnehmer dann auch mit in sein Unternehmen. Damit tun sich letztlich auch die Unternehmen einen Gefallen, da sie vom Können und Tatendrang ihrer Mitarbeiter doppelt profitieren. 

Richtet sich die LEAD Factory nur an Ingenieure?

Nein. Unsere Themen betreffen sämtliche Unternehmensbereiche – von Einkauf über IT bis zu Dienstleistungen. Auch Teilnehmende aus nicht technischen Branchen berichten durchweg positiv über ihre Erfahrungen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Branchenfremde Unternehmen haben leider gar nicht auf dem Schirm, dass sie von unserem Schulungsangebot profitieren können. Dabei gibt es mehr als genug Belege, dass Lean sich auch im Gesundheitswesen oder Einzelhandel bewährt haben.

Was waren die größten Neuerungen der letzten Jahre?

Wir leben kontinuierliche Verbesserung auch selbst. Jährlich entwickeln wir neue Module und aktualisieren bestehende. Zudem dient die LEAD Factory als Forschungsplattform. Als aktives Mitglied der International Association of Learning Factories (IALF) präsentieren wir unsere Erkenntnisse regelmäßig auf Konferenzen und in Fachzeitschriften.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Professor Ramsauer!

Mehr erfahren über


Potenziale: Energie sparen

Das könnte Sie auch interessieren

Lean as a Service wirkt, wo Methoden versagen

Lean as a Service wirkt, wo Methoden versagen

Erst durch externe Führung und Kulturwandel wird Lean wirksam
Viele Lean-Initiativen scheitern, weil sie nur auf Methoden setzen und kulturelle Faktoren vernachlässigen. Lean as a Service verbindet externe Führungskräfte, präzise Analysen und maßgeschneiderte Maßnahmen. So entstehen Strukturen, die klare Verantwortung und Zusammenarbeit fördern. Der Ansatz stärkt Motivation und ermöglicht es Unternehmen, Lean dauerhaft wirksam in alle Bereiche zu integrieren.
Kosten senken mit optimiertem Produktportfolio

Kosten senken mit optimiertem Produktportfolio

Mit Product Mining zu neuen Wertschöpfungspotenzialen in der Industrie
Ein leistungsstarkes, wirtschaftliches und zukunftsorientiertes Produktportfolio ist die Grundvoraussetzung für ein profitables Unternehmen. Doch viele Firmen tappen angesichts Tausender von Produkten im Dunkeln: Unbeleuchtet bleiben unter anderem die Komplexitätskosten. Als datengetriebene Lösung findet Product Mining hier schnell Antworten auf zentrale Fragen und hilft, das Portfolio systematisch, präzise und effizient zu verschlanken.
Von der Manufaktur zur Smart Factory

Von der Manufaktur zur Smart Factory

5 Erfolgsfaktoren für eine gelungene digitale Transformation
Die digitale Transformation scheitert oft nicht an moderner Technologie, sondern an grundlegenden organisatorischen Faktoren. Entscheidend für den Erfolg sind klar definierte Prozesse, strukturiertes Datenmanagement und die aktive Einbindung der Mitarbeiter in den Wandel. Fünf konkrete Schritte zeigen, wie Unternehmen diese Herausforderungen meistern und das Smart-Factory-Konzept erfolgreich umsetzen können..
Die Fabrik der Zukunft

Die Fabrik der Zukunft

Flexible und interoperable Verbindung von IT und OT
Die Digitalisierung der Produktionsumgebung mit Kommunikations- und Informationssystemen stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Verschiedene Lösungsansätze adressieren Anforderungen wie Datenaufkommen, Sicherheit, Interoperabilität und Zuverlässigkeit. Am Beispiel der Elbfabrik des Fraunhofer IFF wird gezeigt, wie eine vernetzte Produktionsumgebung der Zukunft gestaltet werden kann.
IoT komplett in ERP integriert

IoT komplett in ERP integriert

Modellfabrik der Abdullah-Gül-Universität in Kayseri, Türkei
An der Abdullah-Gül-Universität in Kayseri wurde eine hochmoderne Modellfabrik geschaffen, die innovative Fertigungstechnologien mit praxisnaher Schulung verbindet. Gemeinsam mit der lokalen Handelskammer hat Industrial Application Software eine Lernfabrik entwickelt, in der das ERP-System Canias auch die Schulungsabläufe organisiert. Ein Rundgang offenbart ein durchdachtes Konzept.