Die digitale Transformation der Industrie steht oft vor einem grundlegenden Problem: Wie lassen sich Maschinen, Anlagen und Lagerbestände effizient mit übergeordneten IT-Systemen wie Manufacturing Execution System (MES) und Enterprise Resource Planning (ERP) verknüpfen? In vielen Produktionsumgebungen existieren isolierte, voneinander getrennte Systeme, die die Integration neuer Technologien erschweren, die Prozessoptimierung behindern und eine zuverlässige Echtzeitüberwachung einschränken. Diese Insellösungen führen zu einem fragmentierten Informationsfluss und wirken sich negativ auf die Flexibilität und Effizienz der Produktion aus.
Das FIR an der RWTH Aachen hat diese Problematik in der DFA Demonstrationsfabrik Aachen aus erster Hand erfahren. Die Demofabrik ist eine Kombination aus operativer Produktionsumgebung und Forschungsplattform. Sie dient nicht nur der täglichen, kommerziellen Auftragsfertigung, sondern auch als Testfeld, um praxisnahe Anwendungsfälle zu entwickeln, die die Herausforderungen der Industrie mit innovativen Forschungslösungen verbindet. Diese Dualität ermöglicht es, in der Demofabrik realitätsnahe Lösungen zu erforschen, die sowohl die industriellen Anforderungen erfüllen als auch den Einsatz neuer Technologiekonzepte, wie Event-Driven Architecture (EDA), erproben.

Komplex, starr und wartungsintensiv: Die P2P-Architektur auf dem Prüfstand
In der Demofabrik zeigt sich, wie stark verzweigte und historisch gewachsene IT-Architekturen zu erheblichen Herausforderungen führen können. Über Jahre hinweg entstand hier eine komplexe Infrastruktur, die auf zahlreichen Point-to-Point-Verbindungen (P2P) zwischen Maschinen, Sensoren, Lagerverwaltungssystemen und weiteren Softwareanwendungen basiert. P2P-Netzwerke galten lange Zeit als „State of the Art“ und sind bis heute in vielen Unternehmen der Standard, da sie eine direkte und schnelle Kommunikation zwischen Systemen ermöglichen.
Point-to-Point-Verbindungen (P2P)
Point-to-Point-Verbindungen (P2P) sind direkte Kommunikationsverbindungen zwischen zwei Geräten oder Systemen, die ohne Zwischengeräte oder komplexe Netzwerkstrukturen auskommen. Sie ermöglichen einen schnellen und zuverlässigen Datenaustausch mit geringer Latenz und einfacher Architektur. In der Industrie werden P2P-Verbindungen häufig für die direkte Kommunikation zwischen Maschinen, Sensoren oder Steuergeräten genutzt, insbesondere in Anwendungen, die eine stabile und unkomplizierte Verbindung erfordern.
Mit der zunehmenden Komplexität moderner Produktionsumgebungen stoßen diese Architekturen jedoch an ihre Grenzen. Sie können die Anforderungen einer smarten, hochvernetzten Fabrik der Zukunft nicht mehr erfüllen, da sie weder flexibel noch skalierbar genug sind, um mit den dynamischen Veränderungen in der Industrie Schritt zu halten. Diese direkten Verknüpfungen zwischen verschiedenen Systemen erhöhen die Komplexität des Gesamtsystems stetig und führen zu weitreichenden Problemen in Flexibilität, Wartung und Skalierung [1].

Vom Standard zur Herausforderung: Die Grenzen der P2P-Architektur
Jede P2P-Verbindung erfordert eine spezifische Schnittstelle, die oft auf proprietären Protokollen und individuellen Datenformaten basiert. Dies verringert die Flexibilität der Architektur, da jedes System seine eigene Art der Datenübertragung und Kommunikation besitzt, was die Kompatibilität und Verständlichkeit zwischen den Komponenten erschwert [2]. In der Demofabrik führt dies dazu, dass jede neue Maschine oder Anwendung eine eigene, aufwendige Integration durchläuft. Das Ergebnis ist eine fragmentierte Architektur, in der verschiedene Systeme nur schwer miteinander kommunizieren und neue Technologien nur unter erheblichem Aufwand eingebunden werden können.
Ein weiteres Problem der P2P-Struktur sind die engen Abhängigkeiten zwischen den Systemen. Fällt eine Komponente aus oder ändern sich die Anforderungen in einem Bereich, wirkt sich dies potenziell auf zahlreiche andere Verbindungen und damit auf das gesamte Produktionssystem aus. Ein unerwarteter Fehler in einem System kann so schnell zu einem umfassenden Stillstand führen, da einzelne Verbindungen manuell überprüft und reaktiviert werden müssen. Diese engen Verknüpfungen und die gegenseitigen Abhängigkeiten erschweren nicht nur die Fehlerbehebung, sondern bedeuten auch hohe Wartungsaufwände und längere Ausfallzeiten im Betrieb [3].
Ebenso zeigt die Erfahrung, dass die P2P-Verbindungen die Skalierbarkeit der gesamten Infrastruktur einschränken. Die hohe Anzahl von spezifischen Verbindungen und die Nutzung unterschiedlicher Kommunikationsprotokolle führen dazu, dass das System bei steigender Last und einer wachsenden Anzahl von Maschinen und Anwendungen schnell an seine Grenzen stößt. Das Anbinden neuer Use Cases oder Systeme wird so zu einem zeit- und kostenintensiven Prozess, da jede zusätzliche Verbindung in die bestehende Struktur integriert und getestet werden muss.
Zusammengefasst veranschaulichen die Herausforderungen der P2P-Architektur in der Demofabrik die Nachteile stark gekoppelter und komplexer Strukturen: Ein System, das auf vielen Einzelverbindungen basiert, ist nicht nur fehleranfällig, sondern auch schwer skalierbar und mit hohen Betriebskosten verbunden [4]. Diese Erfahrungen verdeutlichen den Bedarf einer moderneren, flexibleren Architektur, die den Anforderungen der vernetzten und zunehmend datengetriebenen Produktion der Industrie 4.0 besser gerecht wird.
Effiziente Integration durch zentralisierte, eventbasierte Kommunikation
Angesichts der Notwendigkeit, die isolierten Bereiche der Fabrik miteinander zu verknüpfen und einen durchgängigen, reibungslosen Informationsfluss zu gewährleisten, wurde in der Demofabrik eine offene IT-Architektur angestrebt. Ziel war es, die starren 1:1-Verknüpfungen zwischen Maschinen, Sensoren und Software aufzulösen und durch eine zentrale, eventbasierte Kommunikation zu ersetzen. Dieser Ansatz sollte nicht nur die Komplexität und Wartungskosten reduzieren, sondern auch die Anpassungsfähigkeit und Erweiterbarkeit der Architektur nachhaltig verbessern. Der zentrale Aufbau führte schließlich zur Implementierung einer Event-Driven Architecture (EDA), die als „digitales Nervensystem“ der Demofabrik fungiert und alle Systeme flexibel miteinander verbindet.
Eventbasierte Kommunikation
Bei der eventbasierten Kommunikation werden Daten oder Nachrichten nur dann übertragen, wenn tatsächlich etwas passiert – also ein bestimmtes Ereignis eintritt. Im Gegensatz zu periodischer oder kontinuierlicher Kommunikation wird die Verbindung nur bei Bedarf aktiviert, was Ressourcen spart und die Effizienz steigert.
Der Event-Broker: Das Herzstück der zentralen Kommunikation
Ein wesentlicher Bestandteil der Event-Driven Architecture (EDA) ist der Event-Broker, der als zentrale Sammelstelle für alle relevanten Events dient. Anders als in herkömmlichen Datenbanken speichert der Event-Broker Events jedoch nicht dauerhaft. Stattdessen ersetzt jedes neue Event einer bestimmten Maschine oder eines bestimmten Systems das vorherige Event dieses Produzenten. So bleibt beispielsweise der aktuelle Status von „System A“ erhalten, ohne dass die Events anderer Maschinen oder Systeme beeinflusst werden. Damit stellt der Event-Broker eine „Single Source of Truth“ dar, auf die alle Systeme zugreifen können, um stets die neuesten Informationen zu erhalten. [5]
Falls eine persistente Sammlung von Events erforderlich ist, etwa für analytische Zwecke, können die Daten des Brokers in eine Datenbank übertragen werden. Dies ermöglicht die langfristige Speicherung und spätere Analyse historischer Ereignisdaten, während der Broker weiterhin als zentrale Anlaufstelle für aktuelle Events fungiert.

Wie die EDA Kommunikation, Integration und Transparenz verbessert
Die Implementierung der EDA eröffnet der Demofabrik verschiedene Vorteile, darunter eine Vereinheitlichung der Kommunikation zwischen Systemen, eine stark vereinfachte Integration neuer Systeme und eine klare, verständliche Darstellung relevanter Events.
Durch die Einführung der EDA wurde die Kommunikation zwischen den Systemen vereinheitlicht. Die Datenformate werden direkt im jeweiligen Service definiert, der die Events an den Event-Broker übermittelt. So kommen alle Events beim Broker in einem standardisierten Format an. Die ehemals heterogene Struktur der IT-Architektur mit zahlreichen Protokollen unterschiedlicher Systeme entfällt dadurch. Es ist nun unerheblich, welches Protokoll ein Sensor, eine Software oder eine Maschine verwendet: Die benötigten Events werden direkt am Produzenten erfasst und vom Service in ein einheitliches Format gebracht. So bleibt die Kommunikation konsistent, und alle Daten können zentral und standardisiert verarbeitet werden.
Event-Driven Architecture (EDA)
EDA ist ein offener Architekturansatz, bei dem Systeme Events nutzen, um in Echtzeit miteinander zu kommunizieren und zu reagieren. Events, die eine relevante Statusänderung darstellen, werden in einem zentralen Event-Broker gesammelt und an alle interessierten Systeme verteilt. Systeme, die mit der EDA verbunden sind, agieren dabei sowohl als Erzeuger als auch als Empfänger von Events. Diese Architektur reduziert die Komplexität direkter Point-to-Point Verbindungen und ermöglicht einen einheitlichen Datenfluss, der auf aktuellen, zentral verfügbaren Informationen basiert. [6, 7, 8]
Ein weiterer Vorteil dieses zentralen Kommunikationsansatzes ist die stark vereinfachte Integration neuer Technologien, Anwendungen und Use Cases. Da jede neue Komponente lediglich eine Verbindung zum Event-Broker herstellen muss, wird der Aufwand für die Implementierung auf ein Minimum reduziert. Durch die Standardisierung der Kommunikation entfallen individuelle Anpassungen an der bestehenden Infrastruktur. Dies erhöht nicht nur die Flexibilität der Architektur, sondern verkürzt auch die Entwicklungs- und Implementierungszeiten erheblich.

Besonderes Augenmerk wurde bei der Implementierung der EDA in der Demofabrik daraufgelegt, Events so zu gestalten, dass sie auch für Menschen verständlich sind. Anstatt nur rohe Sensor- oder Maschinendaten zu senden, werden Events als relevante Statusänderungen definiert, die direkt handlungsrelevante Informationen enthalten. Beispielsweise würde die EDA ein Event wie „Maschine erreicht kritische Betriebstemperatur“ generieren, was eine sofortige Reaktion auf potenzielle Risiken ermöglicht und die Reaktionszeiten verbessert. Dieser klar strukturierte Informationsfluss reduziert manuelle Interpretationen und beschleunigt Entscheidungsprozesse.
Insgesamt ermöglicht dieser zentrale, einheitliche Informationsfluss eine deutlich höhere Transparenz über den gesamten Produktionsprozess. Systeme können dynamisch auf die für sie relevanten Ereignisse reagieren, ohne dass direkte, starre Verbindungen notwendig sind. So wurde die IT-Landschaft agiler, skalierbarer und einfacher zu warten – und ist damit optimal auf die Anforderungen einer zunehmend vernetzten und datengesteuerten Produktion vorbereitet.
Unabhängig und flexibel: Ein Schritt zur Datensouveränität und Zukunftssicherheit
Bei der Implementierung der Event-Driven Architecture (EDA) fiel die Entscheidung bewusst zugunsten einer Eigenentwicklung statt eines fertigen Produkts. Zwar bedeutete dieser Weg zunächst einen höheren Initialaufwand, da keine standardisierte Lösung eingekauft wurde, sondern die Architektur im eigenen Haus entwickelt werden musste. Doch diese Entscheidung brachte sehr wichtige Vorteile mit sich.
Durch die Eigenentwicklung konnte die Abhängigkeit von Drittanbietern vermieden werden. Statt proprietärer Lösungen kommt in der Demofabrik für die Entwicklung und Implementierung der EDA Open-Source-Software zum Einsatz – ein Ansatz, der nicht nur wirtschaftlich entlastet, da keine Lizenzgebühren anfallen, sondern auch die Flexibilität bei der Anpassung und Erweiterung des Systems deutlich erhöht. Ein weiteres Ziel war der gezielte Know-how-Aufbau im Hinblick auf die Architektur, um spätere Anpassungen und Wartungen effizient und unabhängig durchführen zu können.
Zudem bleibt durch die selbst entwickelte EDA-Lösung die Datenhoheit vollständig bei der Demofabrik, was eine umfassende Datensouveränität ermöglicht. Dieser Ansatz sichert nicht nur die Vertraulichkeit und Kontrolle über alle Produktionsdaten, sondern erlaubt es auch, Plattformen und Produkte von Partnern, wie etwa IoT-Plattformen, flexibel in die Architektur einzubinden. Diese Offenheit ermöglicht es, Forschungsprojekte, Use Cases und andere Vorhaben optimal mit der EDA zu verknüpfen.
Auf diese Weise wurde eine stabile und zukunftssichere Infrastruktur geschaffen, die flexibel an die spezifischen Anforderungen angepasst werden kann und optimal auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet ist.
Event-Driven Architecture (EDA) als Schlüssel zur digitalen Transformation
Mit der Einführung der Event-Driven Architecture wurde die Grundlage für eine flexible, skalierbare und wartungsarme IT-Struktur geschaffen. Die klare Trennung der Systeme durch eine zentrale Ereignisverwaltung reduziert die Komplexität und beschleunigt die Anpassung und Erweiterung der Produktionsumgebung. Neue Technologien und Anwendungen lassen sich einfach integrieren, wodurch die Produktion stets auf dem neuesten Stand bleibt.
EDA bietet damit eine effektive Lösung für zentrale Herausforderungen der Industrie 4.0: Sie schafft Transparenz und Kontrolle über Datenströme und erleichtert die Umstellung auf eine datengetriebene, dynamische Produktion. Durch den Einsatz von EDA wurde gezeigt, wie Unternehmen heute die Weichen für eine vernetzte, zukunftssichere Fertigung stellen können.
Literatur
[1] Breivold, H. P.; Sandström, K.: Internet of Things for Industrial Automation. Challenges and Technical Solutions. In: IEEE International Conference on Data Science and Data Intensive Systems. Sydney 2015, S. 532–539.[2] Bennet, S.: The Pros and Cons of Point-to-Point Integration. URL: https://www.integrate.io/blog/pros-cons-of-point-to-point-integration/#three, Abrufdatum 24.08.2024.
[3] Shin, D. -H.; Qian, D.; Zhang, J.: Cascading effects in interdependent networks. In: IEEE Networks 28 (2014) 4, S. 82–87.
[4] Phuyal, S.; Bista, D.; Bista, R.: Challenges, Opportunities and Future Directions of Smart Manufacturing: A State of Art Review. In: Sustainable Futures 2 (2020).
[5] Badgujar, P.: Implementing Event-Driven Architecture for Real-Time Insights. In: Journal of Technological Innovations 5 (2024) 1.[6] Kremer, S.: Der Game-Changer für die Produktion der Zukunft. Eventgetriebene Architektur im Unternehmen. In: UdZ – The Data-driven Enterprise 2 (2022), S. 14–19.
[7] Jakubowski, S.: Event Driven Architecture für Ihr Unternehmen. URL: https://newcubator.com/blog/blog/event-driven-architecture-fuer-ihr-unternehmen, Abrufdatum 18.11.2024.
[8] Kremer, S.; Konrad, L.; Stroh, M.-F.; Schuh, G.: Event-driven IT-architectures as enabler for Industry 4.0. In: D.; Hübner, M.; Stich, V. (Eds.): Proceedings of the Conference on Production Systems and Logistics: CPSL 2023-1. Hannover 2023, S. 509–522.
Potenziale: Flexibilität erhöhen Prozesse automatisieren
