Zwei Tage, ein Thema: die digitale Zukunft der Chemieindustrie. Am 26. und 27. Oktober 2026 trafen sich im Estrel Berlin Fachleute aus Produktion, Anlagenbau und Technologie zum Chemical Automation and Digitalisation Congress der Automa Chem. Mit den Redakteuren Marc Ottiker (ERP Management) und Florian Goldmann (Factory Innovation) waren auch zwei Vertreter des GITO Verlags aus Berlin vor Ort.
Die Chemieindustrie steht unter Druck. Steigende Kosten, wachsende Klimavorgaben und generell höhere Umweltstandards zwingen die Unternehmen in Verbindung mit einer verhaltenen Konjunktur, ihre Abläufe grundlegend zu überdenken. Gerade in Europa belasten die hohen Energiepreise die Branche spürbar. Wie die Digitalisierung dabei helfen kann, war die Leitfrage der Automa Chem 2026. Gastgeber war Evonik, als regionale Partner traten unter anderem WACKER, Covestro, LyondellBasell und Worley auf. Unter den Teilnehmern waren Chemieproduzenten, Anlagenbauer, Auftragshersteller, Biotech-Unternehmen, Industriegaslieferanten und Technologieanbieter, also die gesamte Wertschöpfungskette. Auch Unternehmen wie BASF, Merck, SABIC, Linde und Repsol Materials waren vertreten.
Vom Konzept zur Praxis
Was die Veranstaltung auszeichnete, war ihr Praxisbezug. Digitalisierung in Lieferketten, Forschung und Betrieb ist in der Chemie längst kein Zukunftsthema mehr, sondern verändert die Branche bereits heute. Entsprechend standen in vielen Vorträgen konkrete Fallbeispiele im Mittelpunkt. Die Referentinnen und Referenten zeigten, wie sich Produktion und digitale Werkzeuge sinnvoll verbinden lassen, welche Hürden dabei zu überwinden sind und welche Ergebnisse sich erzielen lassen.
Die Themenpalette war breit: Unter dem Stichwort „Chemical Plant 4.0“ ging es um die vernetzte Anlage und das Zusammenwachsen von Betriebs- und Informationstechnik. Digitale Zwillinge, die eine Anlage über ihren gesamten Lebenszyklus abbilden, waren ebenso Thema wie die Überwachung von Emissionen und Energieverbrauch, digitale Werkzeuge für Forschung und Entwicklung sowie die Optimierung von Lieferketten.
Herausragend waren die Beiträge zur Kreislaufwirtschaft und zu biobasierten Lösungen. Sie zeigten, wie digitale Werkzeuge helfen, Stoffkreisläufe zu schließen, Rohstoffe mehrfach zu nutzen und fossile Ausgangsstoffe schrittweise durch nachwachsende zu ersetzen. Damit wird die Digitalisierung zu einem wichtigen Hebel für eine nachhaltigere Chemieproduktion.
Hochkarätige Referenten und lebhafte Diskussionen
Auf der Bühne standen Fachleute, die die digitale Transformation in ihren Unternehmen selbst vorantreiben. Bereits die Eröffnungsrunde setzte Maßstäbe: Eduardo Sopalda legte dar, warum belastbare Regeln für den Umgang mit Daten und künstlicher Intelligenz die Grundlage jeder nachhaltigen Digitalisierung sind. Im Forschungsteil des Programms ging es darum, wie digitale Werkzeuge Entwicklungszeiten verkürzen und den Weg vom Labor in die Produktion absichern.
Dr. Miriam Mathea, bei BASF weltweit fachlich verantwortlich für die Chemieinformatik, zeigte, wie künstliche Intelligenz die Auswertung chemischer Daten automatisiert und damit die Forschung beschleunigt. Dr. Dennis Krause, Programmleiter für digitale Forschung und Entwicklung bei Covestro, erläuterte, wie KI und Simulation die Entwicklung neuer Werkstoffe voranbringen.
Einen ungewöhnlichen Zugang wählte Markus Hartung, Business Developer bei Evonik. In seinem Vortrag über Katalyse und Moleküle nutzte er das Wissen um Moleküle und ihre neue Zusammensetzung als Sinnbild für den Produktionsprozess selbst. So wurde anschaulich, wie aus vorhandenen Bausteinen durch geschickte Verbindung etwas Neues entsteht, im Labor wie in der Fabrik. Und Luigi Anselmi brachte auf den Punkt, was viele Teilnehmer empfanden: Die AUTOMA sei längst mehr als ein Kongress, nämlich eine Gemeinschaft.
Den größten Erkenntnisgewinn brachten oft die Podiumsdiskussionen. Hier trafen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander, etwa die von Anlagenbetreibern, Technologieanbietern und Planern. Es entstand ein hochinformativer Austausch, der weit über die Vorträge hinausging. Die Diskutanten sprachen offen über Erfolge, aber auch über Rückschläge und ungelöste Fragen. Gerade diese Offenheit machte die Runden so wertvoll.
Künstliche Intelligenz im Fokus
Für unsere beiden Redakteure war vor allem der Blick auf den aktuellen Stand der künstlichen Intelligenz aufschlussreich. KI-gesteuerte Abläufe zogen sich wie ein roter Faden durch das Programm und wurden in zahlreichen Vorträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Deutlich wurde dabei: KI ist in der Chemieproduktion kein Experimentierfeld mehr.
Sie hilft, Prozesse vorausschauend zu steuern, Ausfälle früh zu erkennen, den Rohstoff- und Energieeinsatz zu senken und die Sicherheit in den Anlagen zu erhöhen. Auch im technischen Vertrieb und besonders in der Logistik gewinnt sie rasch an Bedeutung. Zugleich wurde offen über die Voraussetzungen gesprochen: saubere Daten, durchgängige Systeme und Mitarbeitende, die den Wandel mittragen.
Hier zeigt sich auch die Verbindung zur Unternehmenssoftware. Wer Produktionsdaten intelligent nutzen will, braucht ein Zusammenspiel von Anlagensteuerung, Produktionsmanagement und ERP-System. Genau diese Schnittstelle zwischen Fertigung und betriebswirtschaftlicher Planung steht für unsere Leserschaft im Mittelpunkt.
Raum für Austausch
Neben dem Vortragsprogramm bot die AUTOMA Chem 26 viel Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. Die Pausen und vorab vereinbarten Einzelgespräche wurden rege genutzt, um Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Auch Marc Ottiker und Florian Goldmann führten zahlreiche Gespräche mit Fachleuten aus Industrie und Technologie, aus denen sich spannende Ansätze für die redaktionelle Arbeit ergeben haben.
Ausblick: Neue Fachbeiträge ab der nächsten Ausgabe
Die Eindrücke aus Berlin werden sich in den kommenden Ausgaben niederschlagen. Leserinnen und Leser von ERP Management und Factory Innovation dürfen sich schon in der letzten Ausgabe 2026 und im kommenden Jahr auf eine Reihe interessanter Fachbeiträge freuen, die an die Themen des Kongresses anknüpfen: von KI in der Prozessindustrie über digitale Zwillinge und Kreislaufwirtschaft bis zur Integration von Produktions- und Unternehmensdaten.
Gelungene Organisation
Abgerundet wurde der Kongress durch eine reibungslose Organisation. Der Ablauf war gut durchdacht, das Estrel bot einen passenden Rahmen, und auch die Verpflegung überzeugte auf ganzer Linie. Die Automa Chem 2026 hat gezeigt, dass die Chemiebranche bereit ist, die Chancen der Digitalisierung entschlossen zu nutzen. Der fachliche Austausch ist dafür unverzichtbar.
