Technologien

KI in der Produktion – den Einstieg nicht verpassen!

KI-Grundlagen und Empfehlungen für den Einstieg in die Produktion
Lesedauer:  5 Minuten

Künstliche Intelligenz (KI) kann heute schon den Menschen in der Produktion bei seiner Tätigkeit unterstützen. Dennoch zögern noch viele Unternehmen beim Einstieg in die neue Technologie. Dieser Artikel stellt die wichtigsten KI-Grundlagen und Anwendungsgebiete in der Produktion vor und gibt eine Empfehlung für den nachhaltigen Einstieg in das Thema KI.

Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im produzierenden Gewerbe werden große Wirtschaftlichkeitspotenziale erwartet. So prognostiziert eine im Auftrag des BMWi durchgeführte Studie beispielsweise eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von EUR 31,8 Mrd. bis 2023 [1]. Dennoch haben laut einer KI-Studie des Fraunhofer IAO erst ca. 16 Prozent der Unternehmen eine konkrete KI-Anwendung im Einsatz, 59 Prozent haben den Einstieg in KI geplant und 25 Prozent haben sich noch nicht mit KI beschäftigt [2]. Als Hindernisse werden häufig das fehlende Know-how (Management und Mitarbeiter), fehlende Kooperationspartner, ein unklarer Mehrwert sowie eine fehlende Datenbasis gesehen [3].

KI kurz erklärt

Mit künstlicher Intelligenz verfolgt man das Ziel, Maschinen (Computern) die Fähigkeit zu geben, ihr Verhalten auf Basis von Erfahrungen zu verbessern, ähnlich wie der Mensch das tut. Man unterscheidet dabei zwischen dem Machine Learning (ML) und dem Deep Learning (DL) (siehe Bild 1).


Bild 1: Einordnung der KI-Begriffe

In der Industrie werden heute überwiegend Lösungen im Bereich des Machine Learning (ML) eingesetzt. Hierbei lernt der Computer aus Daten ohne explizit für eine konkrete Aufgabe programmiert zu werden. Dies erfolgt durch ein neuronales Netz (siehe Bild 2) mit einer verborgenen Zwischenebene, die aus verschiedenen Eingangssignalen die gewünschten Ausgangssignale erzeugt [4]. Das Lernen erfolgt dabei durch Vorgabe der Eingangs- und Ausgangssignale („überwachtes Lernen“), durch Vorgabe der Eingangs-
signale und Bewertung der Ausgangssignale („Bestärkendes Lernen“) oder nur durch Vorgabe der Eingangssignale („unüberwachtes Lernen“). Das Deep Learning (DL) ist eine Unterkategorie des Machine Learning (ML), bei dem zwischen Eingangs- und Ausgangssignal mehrere Zwischenebenen liegen können.

Anwendungsbeispiele in der Produktion

Bereits mit der einfachen Form des Machine Learning erhält die KI wichtige Fähigkeiten, die in der Produktion heute schon Anwendung finden können (siehe Bild 3):

Anomalieerkennung

Die KI ist in der Lage, Anomalien bei Tönen (z. B. Maschinengeräusche), Bildern (z. B. Produktoberflächen) und Daten (z. B. Temperatur, Druck, Stromaufnahme, etc.) zu erkennen und dem Menschen zu signalisieren. Typische Anwendungsfälle liegen im Bereich der Werkerassistenz, Instandhaltung und Qualitsätssicherung, bei denen schnell auf Abweichungen reagiert werden soll.


Bild 2: Neuronales Netz (1-dimensional)

Klassifizierung

Die Klassifizierung durch KI wird häufig im Bereich der Qualitätssicherung eingesetzt, wenn es um die Klassifizierung von Produkten geht (z. B. Gutteil, Ausschuss, Nacharbeit Kat. 1, Nacharbeit Kat. 2). Aber auch im Bereich der Werkerassistenz und Intralogistik finden sich Anwendungsbeispiele, z. B. die Erkennung von Produkten  / Produktgruppen.

Prognose

Die Prognose ist eine der Haupterrungenschaften, die sich durch KI erreichen lässt. Anwendungsfälle finden sich bisher überwiegend im Bereich Instandhaltung (Predictive Maintenance) bzw. Qualitätssicherung (Predictive Quality). Die Prognosefähigkeit wird aber auch im Bereich der Ressourcenplanung eingesetzt (z. B. Prognose von Auftragsendeterminen, Rüstzeiten, Maschinen- und Personalverfügbarkeiten etc.).

Selbstorganisation/-optimierung (Autonomie)

Die Selbstorganisation und -optimierung sind nicht mehr nur Zukunftsthemen im Sinne von Industrie 4.0. Es gibt bereits mehrere Anwendungsfälle in den Bereichen Prozessoptimierung (z. B. automatische Optimierung von Maschineneinstellparametern), Ressourcenplanung (z. B. autonome Feinplanung der Produktion) und Intralogistik (z. B. autonome Steuerung von fahrerlosen Transportsystemen (FTS)).


Bild 3: KI-Anwendungsfälle in der Produktion

KI-Einführung im Unternehmen

Viele Unternehmen zögern noch mit der KI-Einführung in der Produktion, da es bei Mitarbeitern und Management am notwendigen Wissen fehlt. Der direkte Kontakt zu einem Data Scientist ist in der Regel auch nicht zielführend, da dieser zwar KI-Lösungen modellieren kann, in der Regel aber nicht über das erforderliche Produktions-Know-how verfügt. Em-
pfohlen wird daher ein ganzheitlicherer Ansatz (siehe Bild 4).

Management KI-Workshop

Ein initialer, durch einen KI-Experten moderierter Management Workshop dient dazu, das gesamte Management auf einen einheitlichen Wissenstand hinsichtlich KI zu bringen. Dadurch erhält das Management eine bessere Orientierung und Entscheidungssicherheit. Zudem können durch das bessere Know-how Projektrisiken minimiert werden. Sofern das Management keinen konkreten KI-Anwendungsfall vorgibt, sollte im nächsten Schritt eine KI-Potenzialanalyse stattfinden.

KI-Potenzialanalyse

Die KI-Potenzialanalyse dient dazu, gemeinsam mit einem KI-Experten und Mitarbeitern aus Produktion und produktionsnahen Bereichen mögliche KI-Anwendungsfälle zu identifizieren und hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Nutzens für das Unternehmen, der Datenverfügbarkeit sowie des zu erwartenden Realisierungsaufwands zu bewerten. Daraus resultiert ein Ranking der für die Umsetzung „reifsten“ KI-Anwendungsfälle. Nach der Auswahl einer Pilotanwendung sowie der Zieldefinition kann die Umsetzung starten.


Bild 4: Vorgehensmodell zur KI-Einführung im Unternehmen

Umsetzung und Bereitstellung

Bei der eigentlichen Umsetzung wird der Anwendungsfall zunächst genauer analysiert. Im nächsten Schritt wird die Lösung entwickelt und die erforderlichen Daten gesammelt und aufbereitet. Sobald der finale Datensatz zur Verfügung steht, kann mit der eigentlichen Umsetzung der Lösung begonnen werden, d. h. mit der Auswahl und Modellierung geeigneter KI-Verfahren. Nach Funktionstests und dem erfolgreichen Abgleich mit den Zielen des Projekts kann die Lösung in der Produktion bereitgestellt werden. Damit ist der Einstieg in die KI geschafft – eine wichtige Basis für die kontinuierliche Weiterentwicklung in Richtung Smart Factory.

 

 

Schlüsselwörter:

Industrie 4.0, Smart Factory, Künstliche Intelligenz, KI, Produktion, Einführungsmodell

Literatur:

[1] Studie „Potenziale der künstlichen Intelligenz im produzierenden Gewerbe in Deutschland“, Institut für Innovation und Technik im Auftrag des BMWi/PAiCE, 2018
[2] Studie „Künstliche Intelligenz in der Unternehmenspraxis“, Fraunhofer IAO, 2019
[3] Unternehmensbefragung „Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI)“, Baden-Württembergische IHKn, 2020
[4] R. Weber, P. Seeberg, KI in der Industrie, Hanser-Verlag, 2020

Das könnte Sie auch interessieren

Der neue Kollege im Shopfloor

Der neue Kollege im Shopfloor

KI-Assistenzsysteme stärken Fachkräfte im Mittelstand
Viele mittelständische Produktionsunternehmen können ihre Fertigung noch nicht vollständig automatisieren. Gleichzeitig eröffnen Fortschritte in Robotik und KI neue Möglichkeiten. Intelligente Mensch-Technik-Systeme verbinden menschliche Erfahrung mit digitalen Assistenzsystemen im Shopfloor. Sie unterstützen Mitarbeitende, erleichtern den Zugang zu Wissen und steigern Produktivität sowie Qualität –auch in gewachsenen Produktionsumgebungen.
Smarte Produktion sicher vernetzt

Smarte Produktion sicher vernetzt

OT‑Security als Fundament digitaler Industrieinnovationen
Die Smart Factory verspricht immense Potenziale bei Automatisierung und Kostenkontrolle. Doch die vernetzte Produktion bringt auch neue Cyber-Risiken mit sich. Wie Maschinen und IIoT-Plattformen sicher arbeiten, Echtzeitdaten geschützt bleiben und die Produktion resilient ist, zeigt sich am Beispiel einer proaktiven, integrierten OT-Security. Ein hoher Grad an Cyber-Sicherheit ist kein optionales Extra, sondern ein unverzichtbares Fundament für den Erfolg.
Ganzheitliche Sicherheit unter NIS2

Ganzheitliche Sicherheit unter NIS2

Was für kritische Infrastrukturen gilt
Digitale Angriffe, Sabotage und Ausfälle haben längst nicht mehr nur technische Ursachen. Mit der NIS2-Richtlinie reagiert die EU darauf und verpflichtet Unternehmen ab 2026, Sicherheit ganzheitlich zu denken. Der Beitrag zeigt neue Anforderungen für KRITIS-Betreiber, warum physische und digitale Sicherheit zusammengehören und wie sich Sicherheitsstrukturen zukunftsfähig ausrichten lassen. Richtig verstanden wird NIS2 zur Chance für mehr Resilienz.
Rendite statt jahrelanger Rollouts

Rendite statt jahrelanger Rollouts

Chefsache IT: Software in der Fertigung neu denken
Trotz hoher KI-Investitionen arbeiten viele Fertigungsunternehmen noch mit Excel und isolierten Anwendungen. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum veraltete IT-Architekturen zum Risikofaktor werden, wie Wertschöpfung direkt an der Maschine beginnt und welche Schritte nötig sind, um Fertigung flexibler, resilienter und zukunftssicher zu gestalten, von smarter IT bis zu erfolgreichem KI-Einsatz.
KI und outcome-basierte Geschäftsmodelle

KI und outcome-basierte Geschäftsmodelle

Vom Stolperstein zum Erfolgsfaktor
„Beherrschtes Risiko übersetzt sich in Marge” – industrielle KI revolutioniert diesen Leitsatz. Von CapEx zu OpEx: Geschäftsführer werden Infrastrukturgaranten. Datensouveränität schafft Vertrauen. Predictive Maintenance und digitale Zwillinge meistern Marktrisiken. Digitale Modelle scheitern an Haltung, nicht Technik. Acht Stolperfallen zeigen den Weg zur Wertschöpfung.
Eine menschenzentrierte Revolution in der Fertigung

Eine menschenzentrierte Revolution in der Fertigung

Vertrauen, Führung und Human by Design im Zeitalter von Agentic AI
Mit dem Eintritt der Fertigung in die Industrie 4.0 verändert der Einsatz von KI und agentenbasierten Technologien die Produktion, die Qualitätskontrolle und die Dynamik der Belegschaft. Der wahre Wert dieser Innovationen liegt jedoch in ihrer Fähigkeit, das menschliche Potenzial zu verstärken, anstatt es zu ersetzen. Ein menschenzentrierter Ansatz ist für die erfolgreiche Integration von KI und agentenbasierten Technologien in der Fertigung unerlässlich.
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Allgemein. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den permalink.