Logistik

Nachhaltige Verbesserung der Lieferperformance

22.08.2023
Lesedauer:  6 Minuten
© Freudenberg Filtration Technologies
© Freudenberg Filtration Technologies

Jeder kennt den Produktnamen „Vileda“. Dieser entstand, so sagt man, als Carl Freudenberg ein Stoffstück entwickelte, das sich besonders anfühlte. Die Reinigungsfee sagte damals: „Fühlt sich an wie Leder“ (im Dialekt: Vileda)! Heute ist Freudenberg SE ein weltweit agierendes Unternehmen mit einem Umsatz von 11,7 Milliarden Euro (2022) mit 40 Marktsegmenten in rund 60 Ländern und 51 000 Mitarbeitern.

Wir sprachen mit Daniel Richter, Director Global Supply Chain Processes, Global Operations der Freudenberg Filtration Technologies, darüber, wie die Lieferperformance bezüglich Lieferfähigkeit, Liefertreue sowie Lieferzeiten in den letzten Jahren nachhaltig verbessert werden konnte.

Guten Tag, Herr Richter, es freut uns, dass Sie uns die Firma Freudenberg Filtration Technologies GmbH & Co. KG und Ihre Erfahrung zum Thema „Nachhaltige Verbesserung der Lieferperformance“ vorstellen möchten. Erzählen Sie uns doch bitte zunächst etwas mehr über Ihre Geschäftseinheit.

Freudenberg Filtration Technologies (FFT) ist Entwicklungs-, Produktions- und Anwendungsspezialist für Luft- und Flüssigkeitsfiltration. Mit unseren Lösungen unterstützt die Geschäftsgruppe unsere Kundinnen und Kunden dabei, industrielle Prozesse wirtschaftlicher zu gestalten, Ressourcen zu schonen, Mensch und Umwelt zu schützen und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität zu leisten. Als weltweit anerkannter Partner für zuverlässige und energieeffiziente Filtration ist FFT in den Kompetenzfeldern Automobil und Transport, Energie und Ressourcen, Hygiene, Komfort und Gesundheit, Produktion und Gebäudetechnik sowie im Bereich technisch anspruchsvoller Spezialanwendungen tätig. Systemlösungen wie die Entwicklung, die Installation und der Betrieb kompletter Filtrationsanlagen sowie umfassende Dienstleistungen für das Luft- und Wasserqualitätsmanagement ergänzen das innovative Produktportfolio.

Über welche Rahmenbedingungen und Herausforderungen berichten Sie?

Die Herausforderung bestand darin, für eine sehr hohe Anzahl an Materialnummern und vielfältige Kombinationen aus Werken, Sparten und Verkaufsorganisationen ein weltweit einheitliches IT-gestütztes Logistik-Monitoring- und Reporting-System aufzubauen, das gleichzeitig auch werks- und bereichsspezifische Anwenderwünsche erfüllen sollte. Das System sollte zudem die fachlichen und methodischen Anforderungen für eine Reichweitensteuerung erfüllen und flexibel sowie aufwandsarm an geänderte Rahmenbedingungen angepasst werden können.

Aus logistischer Sicht bestand eine wesentliche Herausforderung zur Verbesserung der Logistikperformance für uns darin, eine bessere Vorausschau für den Primärbedarf insbesondere im Bereich unserer Industrie- und Consumer-Kunden zu erhalten. Die Vorausschau sollte auch dazu dienen, die Parametrierung des SAP-Systems kurzzyklisch systemgestützt anzupassen.

Success, Daniel Richter,
Nachhaltige Verbesserung der Lieferperformance
Bild 1: Daniel Richter, Director Global Supply Chain Processes, Global Operations der Freudenberg Filtration Technologies,
© Freudenberg Filtration Technologies

Wie war Ihr Lösungsansatz für diese herausfordernde Aufgabenstellung?

Wir hatten bereits vor dem Projektbeginn im Jahr 2012 an zwei Standorten als Add-on zum SAP-Hostsystem die Softwarepakete FAST/pro für den Aufgabenbereich Produktionscontrolling (MES/APS) und FAST/log für den Bereich Material-Prozess-Controlling eingeführt.

Zielsetzung der damaligen FAST-Einführung war es, in den Werken eine vollständige Transparenz über die gesamte Supply Chain vom Primärbedarf bis zur Materialbeschaffung zu schaffen. Wir wollten Engpässe und Schwachstellen des Auftragsdurchlaufs im Bereich Produktion und Materialwirtschaft frühzeitig und sicher erkennen, um diese möglichst vollständig zu beseitigen oder auszugleichen.

Mithilfe der in der FAST-Software implementierten reichweitenbezogenen Planungs- und Steuerungsfunktionen konnten schnell Verbesserungen im Bereich der Materialverfügbarkeit und des Engpassmanagements erreicht werden. Methodenbedingt führte die Reichweitenplanung auch automatisch zu dynamischen Anpassungen der Bestände an die jeweilige Bedarfs- beziehungsweise Verbrauchssituation.

Aufgrund der guten Erfahrung mit den FAST-Logistikmethoden wurde die von der GTT Gesellschaft für Technologie Transfer mbH neu entwickelte Low-Code-Entwicklungsplattform (jFAST) als Basis für die Entwicklung eines neuen globalen FFT-Logistik-Cockpits ausgewählt.

Ein großer Vorteil der jFAST-Plattform besteht darin, dass für das Erstellen von Anwendungen keine speziellen Programmierkenntnisse erforderlich sind. IT-affine Mitarbeiter von Fachabteilungen können nach einer kurzen ein- bis zweitägigen Einweisung innerhalb weniger Stunden selbstständig komplexe Anwendungsszenarien erstellen.

Für viele der von Anwendern gewünschten Kennzahlen, Auswertungen und Visualisierungsbausteine stellt GTT im jFAST-Basissystem Kopier- beziehungsweise Mustervorlagen (sogenannte Templates) zur Verfügung, die per Drag-and-drop in die jFAST-Szenarien übernommen werden können.

Ich habe die meisten der bei uns aktuell eingesetzten circa 100 jFAST-Anwendungsszenarien einschließlich des Logistik-Cockpits selbst erstellt. Hilfreich waren dabei meine guten SAP-Kenntnisse sowie grundlegende Kenntnisse in der Anwendung von Datenbanken.

Welche Aufgaben erfüllt das FFT-Logistik-Cockpit?

Das FFT-Logistik-Cockpit besteht aus mehreren FAST- und jFAST-Bausteinen, die als Add-ons eng an das SAP-System angebunden sind. Ein Forecast-Baustein unterstützt beispielsweise die Verbesserung der Materialbedarfsplanung bezüglich der Endprodukte und des Rohmaterials. Wir verbessern damit einerseits die Lieferfähigkeit beziehungsweise die Verfügbarkeit der Make-to-Stock-Produkte, andererseits reduzieren wir bei Make-to-Order-Produkten die Abhängigkeit von den Lieferzeiten bei Fremdmaterial und ermöglichen damit kürzere Produktlieferzeiten.

Die Vertriebsmitarbeiter der Standorte pflegen monatlich rollierend ihre Forecast-Daten für die nächsten 24 Monate und ermöglichen damit eine systematische Langfristplanung von Fremdmaterial, die mit gespeicherten Historiendaten der letzten drei Jahre abgeglichen werden kann. Die Forecast-Funktionalität kann auch dazu verwendet werden, unabhängig vom SAP-System mit einer FAST-Stücklistenauflösung die Auswirkungen von Produktan- oder -ausläufen auf den Materialbedarfsverlauf zu ermitteln. Auch die im Automotive-Bereich typische Frage, ob beziehungsweise ab wann kurzfristige Erhöhungen der Lieferplanmengen aus kapazitiver Sicht und aus Sicht der Materialverfügbarkeit möglich sind, kann über die FAST-Methoden schnell und zuverlässig beantwortet werden.

Success, Daniel Richter,
Nachhaltige Verbesserung der Lieferperformance
Bild 2: Filtration Composing, © Freudenberg Filtration Technologies

Ein weiterer wichtiger Baustein des Logistik-Cockpits ist das ABC-XYZ-Cockpit. Es liefert als Add-on-Anwendung zum SAP-System eine differenziertere Berechnung von Logistikkennzahlen und unterstützt die Konfiguration der Planungsparameter des SAP-Systems. Die über das ABC-XYZ-Cockpit spezifizierten Planungsparameter können direkt über Schnittstellen an das SAP-System übertragen werden.

Welche Vorteile sehen Sie beim Einsatz der FAST-Methoden und der jFAST-Plattform für sich beziehungsweise für die Anwender und die Kunden?

Der Einsatz der FAST- und jFAST-Software hat uns die gewünschte durchgängige Transparenz geliefert und unsere Lieferperformance gegenüber den Kunden nachhaltig verbessert.

Die FAST-Planungsmethoden liefern realistische Aussagen bezüglich möglicher Liefertermine und künftiger Engpässe in der Materialversorgung oder im Auftragsdurchlauf. Da FAST komplexe mehrstufige, Stücklisten- und Dispositionsstufen-übergreifende Auftragsnetze bilden kann, kann man die Abhängigkeit der Kunden-Liefertermine von der Materialverfügbarkeit und der Kapazitätssituation in der Fertigung aufzeigen. Wir sehen also frühzeitig, wann und wo Lieferprobleme auftreten können. Das gilt gleichermaßen für Make-to-Stock (MTS) und Make-to-Order-Produkte (MTO). Unsere Lieferfähigkeit (Bedarfsdeckungsrate bzw. Fill Rate) und unsere Liefertreue haben sich damit deutlich und auch nachhaltig verbessert. Durch die Forecast-Planung konnten wir die Rohmaterialverfügbarkeit für MTO-Produkte deutlich verbessern und damit auch unsere Lieferzeiten verkürzen.

Zudem bietet die jFAST-Plattform den Vorteil, dass ich unabhängig von den IT-Spezialisten Anwendungsszenarien oder Kennzahlenreports schnell und im Direktkontakt mit Anwendern umsetzen kann. Wir haben damit gleichzeitig ein global einheitliches KPI-System und ein werksspezifisches Monitoring und Reporting ermöglicht.

Die Nutzung der preisgekrönten jFAST-Monitoring- und Reportingfunktionen hat als Nebeneffekt mit zu einer deutlich verbesserten Stammdatenqualität beigetragen.

Herr Richter, herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr erfahren über


Das könnte Sie auch interessieren