Technologien

Passend von der Stange

Vergleich von KI-Ansätzen zur Körperformanalyse in der Produktion
Lesedauer:  4 Minuten

Die Diversität menschlicher Körper ist eine große Herausforderung für die Bekleidungsindustrie. Unterschiedliche Morphotypen benötigen speziell dafür angepasste Größensysteme sowie Daten zur Häufigkeitsverteilung der Morphotypen in der Bevölkerung für die Produktionsmengenplanung. Dazu wurden Reihenmessungen mit Varianten von KI-Algorithmen trainiert und aus der Klassifizierung dann Größentabellen und Häufigkeitsverteilungen abgeleitet.

Die Diversität menschlicher Körper ist immer noch eine Herausforderung für die Bekleidungsindustrie. Für die Entwicklung gut sitzender Produkte benötigt sie für die unterschiedlichen Morphotypen von Körpern passende Größen- und Gradiersysteme. Erschwerend kommt hinzu, dass es bei den Morphotypen signifikante Unterschiede zwischen Regionen und Ländern geben kann. Auch können sich die Morphotypen über die Zeit aufgrund geänderter Lebensumstände in den Gesellschaften wandeln. Für die Planung ihrer Kollektionen und der Produktionsmengen benötigen die Unternehmen der Bekleidungsindustrie daher aktuelle Informationen über den Größenbereich einzelner Morphotypen sowie die Häufigkeitsverteilung der Morphotypen in den Bevölkerungen der einzelnen Länder.

Im Rahmen des Forschungsprojekts iMorph [1] wurde daher ein morphologisches Klassifikationssystem für erwachsene Frauen entwickelt, um Messdaten aus der Reihenmessung SizeGERMANY [2], in der mehr als 13 000 Personen vermessen wurden, zu klassifizieren. Das Klassifikationssystem basiert auf zwei bis drei Grundformen für einzelne Körpermerkmale. Es umfasst dabei die folgenden zehn Merkmale:

  • Ganzer Körper: Grundform, Hüftform, Körperhaltung, Hüftposition
  • Oberkörper: Armform, Schulterneigung, Verhältnis Brust und Rücken
  • Unterkörper: Beinlänge, Beinform, Gesäßform

Für diese zehn Merkmale wurde jeweils ein ordinaler Satz möglicher Ausprägungen festgelegt. Bild 1 zeigt beispielsweise das Merkmal Grundform mit allen Ausprägungen. Damit können die für die Bekleidungsindustrie relevanten Morphotypen beschrieben werden. Da die Reihenmessung eine repräsentative Auswahl der Bevölkerung darstellt, konnten die Größenbereiche und die Häufigkeitsverteilungen der Morphotypen in Deutschland aus der klassifizierten Reihenmessung abgeleitet werden.

Passend von der Stange, Bild 1
Bild 1: Merkmal Grundform mit seinen drei möglichen Ausprägungen.

Da eine manuelle Klassifikation aufwändig ist, sollte diese zum größten Teil mithilfe von maschinellen Lernverfahren erfolgen. Dazu wurde Case Base Reasoning (CBR) [3] genutzt und mit einer repräsentativen Anzahl an Datensätzen aus der SizeGERMANY-Reihenmessung trainiert, die durch vier Experten klassifiziert wurden. Dabei zeigte es sich, dass sich die Experten nicht immer einig waren, was zu keinen eindeutige Zuordnungen von Grundformen für einzelne Körpermerkmale führte. Daraus resultierte die Fragestellung, ob für diesen Anwendungsbereich eine eindeutige Zuordnung von Grundformen oder eine Häufigkeitsverteilung bessere Ergebnisse liefert. Im Rahmen des Forschungsprojekts iMorph wurde mit der Vielfalt der Expertenklassifikationen gearbeitet.

Da es neben SizeGERMANY auch Reihenmessungen in anderen Ländern und Regionen gibt und daher weitere Klassifikationsaufgaben anstanden, wurde diese Fragestellung angegangen. Zusätzlich wurde untersucht, ob ein Mulitlayer Perzeptron (MLP) [4], eine Ausprägung eines neuronalen Netzwerks, bessere Ergebnisse als CBR liefern kann. Dazu wurden die beiden maschinellen Lernverfahren jeweils mit eindeutiger Klassifikation und mit einer Wahrscheinlichkeitsverteilung bei der Klassifikation untersucht. Als Datenbasis diente eine noch nicht klassifizierte Reihenmessung aus den USA bei der eine repräsentative Teilmenge durch Experten klassifiziert wurde. Die Untersuchung umfasste die folgenden Schritte:

  • Datenanalyse und -aufbereitung: Die bereitgestellten Daten wurden analysiert, Fehler identifiziert und korrigiert sowie die Datensätze für exakte Klassifizierung sowie Häufigkeitsverteilung aufbereitet.
  • Modellerstellung und Training: Für das CBR und das MLP wurden entsprechende Modelle erstellt, konfiguriert und mit den aufbereitete Daten, jeweils für eindeutige Klassifikation und Häufigkeitsverteilung, trainiert.
  • Vorhersagegüte: Die Güte der Vorhersage für die jeweiligen Varianten wurde ermittelt.

Datenanalyse und -aufbereitung

Die Datenbasis umfasste 7903 Messreihen mit insgesamt 168 gemessenen Attributen von Frauen aus den USA. Diese Datenbasis wurde analysiert. Dazu wurde im ersten Schritt eine Korrelationsanalyse durchgeführt, um mögliche lineare Abhängigkeiten zwischen einzelnen Attributen bzw. zwischen einem Attribut und der Klassifikation eines Merkmals zu ermitteln. Es ergab sich keine starke lineare Abhängigkeit zwischen Attributen und der Klassifikation. Dafür zeigt es sich, dass in den Datensätzen redundante Werte (Korrelation gleich 1) enthalten waren. Damit konnte die Anzahl der zu betrachtenden Werte reduziert werden.

Im nächsten Schritt wurde die Datenverteilung für die einzelnen Attribute jeweils für jedes einzelne Merkmal mithilfe von Streudiagrammen und Box-Whisker-Plots untersucht.

Zum Weiterlesen klicken Sie hier


Das könnte Sie auch interessieren

Der neue Kollege im Shopfloor

Der neue Kollege im Shopfloor

KI-Assistenzsysteme stärken Fachkräfte im Mittelstand
Viele mittelständische Produktionsunternehmen können ihre Fertigung noch nicht vollständig automatisieren. Gleichzeitig eröffnen Fortschritte in Robotik und KI neue Möglichkeiten. Intelligente Mensch-Technik-Systeme verbinden menschliche Erfahrung mit digitalen Assistenzsystemen im Shopfloor. Sie unterstützen Mitarbeitende, erleichtern den Zugang zu Wissen und steigern Produktivität sowie Qualität –auch in gewachsenen Produktionsumgebungen.
Smarte Produktion sicher vernetzt

Smarte Produktion sicher vernetzt

OT‑Security als Fundament digitaler Industrieinnovationen
Die Smart Factory verspricht immense Potenziale bei Automatisierung und Kostenkontrolle. Doch die vernetzte Produktion bringt auch neue Cyber-Risiken mit sich. Wie Maschinen und IIoT-Plattformen sicher arbeiten, Echtzeitdaten geschützt bleiben und die Produktion resilient ist, zeigt sich am Beispiel einer proaktiven, integrierten OT-Security. Ein hoher Grad an Cyber-Sicherheit ist kein optionales Extra, sondern ein unverzichtbares Fundament für den Erfolg.
Ganzheitliche Sicherheit unter NIS2

Ganzheitliche Sicherheit unter NIS2

Was für kritische Infrastrukturen gilt
Digitale Angriffe, Sabotage und Ausfälle haben längst nicht mehr nur technische Ursachen. Mit der NIS2-Richtlinie reagiert die EU darauf und verpflichtet Unternehmen ab 2026, Sicherheit ganzheitlich zu denken. Der Beitrag zeigt neue Anforderungen für KRITIS-Betreiber, warum physische und digitale Sicherheit zusammengehören und wie sich Sicherheitsstrukturen zukunftsfähig ausrichten lassen. Richtig verstanden wird NIS2 zur Chance für mehr Resilienz.
Rendite statt jahrelanger Rollouts

Rendite statt jahrelanger Rollouts

Chefsache IT: Software in der Fertigung neu denken
Trotz hoher KI-Investitionen arbeiten viele Fertigungsunternehmen noch mit Excel und isolierten Anwendungen. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum veraltete IT-Architekturen zum Risikofaktor werden, wie Wertschöpfung direkt an der Maschine beginnt und welche Schritte nötig sind, um Fertigung flexibler, resilienter und zukunftssicher zu gestalten, von smarter IT bis zu erfolgreichem KI-Einsatz.
KI und outcome-basierte Geschäftsmodelle

KI und outcome-basierte Geschäftsmodelle

Vom Stolperstein zum Erfolgsfaktor
„Beherrschtes Risiko übersetzt sich in Marge” – industrielle KI revolutioniert diesen Leitsatz. Von CapEx zu OpEx: Geschäftsführer werden Infrastrukturgaranten. Datensouveränität schafft Vertrauen. Predictive Maintenance und digitale Zwillinge meistern Marktrisiken. Digitale Modelle scheitern an Haltung, nicht Technik. Acht Stolperfallen zeigen den Weg zur Wertschöpfung.
Eine menschenzentrierte Revolution in der Fertigung

Eine menschenzentrierte Revolution in der Fertigung

Vertrauen, Führung und Human by Design im Zeitalter von Agentic AI
Mit dem Eintritt der Fertigung in die Industrie 4.0 verändert der Einsatz von KI und agentenbasierten Technologien die Produktion, die Qualitätskontrolle und die Dynamik der Belegschaft. Der wahre Wert dieser Innovationen liegt jedoch in ihrer Fähigkeit, das menschliche Potenzial zu verstärken, anstatt es zu ersetzen. Ein menschenzentrierter Ansatz ist für die erfolgreiche Integration von KI und agentenbasierten Technologien in der Fertigung unerlässlich.