Der Mensch im Mittelpunkt - Factory Innovation
Digitalisierung

Der Mensch im Mittelpunkt

Vernetzung von Mitarbeitern als Chance für bessere Produktionsprozesse

Lesedauer: 6 Minuten

13. Dezember 2022 von Anna-Karina Dawkins

Der Mensch im Mittelpunkt
© Adobe Stock / natali_mis

Die Digitalisierung verändert unser Leben in allen Bereichen. Während Mobile Apps, Wearables & Co. unseren Alltag stark vereinfachen, ist gerade bei den operativen Mitarbeitenden produzierender Unternehmen noch wenig Erleichterung angekommen. Dabei können gerade durch ihre Vernetzung zahlreiche Vorteile erzielt werden: So kann neben einer Prozessverbesserung auch das Arbeitsumfeld attraktiver gestaltet werden – ein wichtiger Baustein für die Gewinnung neuer Mitarbeiter. 

Die Digitalisierungsbestrebungen in produzierenden Unternehmen sind in der Regel auf die Vernetzung von Maschinen, die Einführung einer digitalen Fertigungssteuerung und vielfältige, häufig sperrige Insellösungen fokussiert. So stehen operative Mitarbeiter noch immer vor der Herausforderung, ihre Informationen aus fragmentierten Lösungen mit komplexen Darstellungen häufig sogar noch aus ausgedruckten Anweisungen oder Checklisten zu beziehen. Probleme werden, oft nicht zurückverfolgbar, per Zuruf gelöst, Daten manuell von Papier in Excel-Files übertragen oder gar nicht erst berücksichtigt. Während Wissensarbeiter sich seit Jahren ausgefeilter Digitalisierungslösungen erfreuen, werden operative Kräfte, Werksmitarbeiter, häufig im digitalen Niemandsland allein gelassen. 

Neue Talente und alte Hasen: der Produktionsprozess braucht beides 

Allerorts wird über Fachkräftemangel geklagt. Auch produzierende Unternehmen stehen unter Druck, Nachwuchskräfte zu finden. Gleichzeitig werden die Produktionsprozesse aufgrund einer steigenden Produktvariantenvielfalt stetig komplexer. Leider verbringt eine in Summe schwindende Belegschaft viel zu viel Zeit mit repetitiven, nicht wertschöpfenden und wenig sinnvollen Tätigkeiten – das frustriert die Betroffenen. Hier können digitale Tools für Abhilfe sorgen und die operativen Mitarbeiter, die für einen störungsfreien Betrieb eine zentrale Rolle spielen, stärker sinnstiftend einbinden. 

Dass mehr Digitalisierung vonnöten ist, steht fest. Die jährliche Ausbildungsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 15 000 Unternehmen hat festgestellt, dass Digitales wichtiger denn je ist. Der Nachholbedarf zeigt sich schon an Berufsschulen, dort sei eine zeitgemäße digitale Ausstattung dringend erforderlich. Laut Bitkom setzen neun von zehn Unternehmen auf Industrie 4.0 und sieben von zehn Unternehmen sind der Meinung, dass durch Industrie 4.0 neue Arbeitsplätze für gut ausgebildete Fachkräfte entstehen werden. Doch optimale Synergien ergeben sich erst aus digitalen Skills verbunden mit jahrzehntealtem Know-how durch Berufserfahrung. Simon Jacobson, Vice President Analyst von Gartner Supply Chain Practice, weiß: Neue Mitarbeiter sind möglicherweise technisch versiert, haben aber keinen Zugang zu Best Practices und Know-how – und festangestellte Mitarbeiter verfügen möglicherweise über das Wissen, aber nicht über die digitalen Fähigkeiten. Ein wirklich vernetzter Fabrikarbeiter in einer intelligenten Fertigungsumgebung braucht beides.

Digitalisierung als Employer-Branding-Strategie

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und gerade auch für junge Mitarbeiter bzw. Nachwuchskräfte ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, sollte die Digitalisierung in der Produktion ein wichtiger Bestandteil der Employer-Branding-Strategie sein. Nahezu vorbildlich setzt das beispielweise die Firma Soudronic um, ein weltweit führender Hersteller von Produktionsanlagen für Metallverpackungen mit Hauptsitz in der Schweiz. Cyril Maurer, Leiter Produktion und Prüfstand bei Soudronic, weiß: Junge Mitarbeiter finden die Nutzung neuer Technologien spannend. Sie benötigen am Arbeitsplatz eine einfache, intuitive Systemlösung, wie sie sie aus ihrem privaten Umfeld kennen – intuitive Apps auf dem Smartphone, die in Sekunden installiert und in Minuten verstanden sind. Zur Unterstützung hat die Unternehmensgruppe eine Connected Worker Plattform eingeführt. Diese hilft dabei, △sich auf wichtige Aufgaben wie den eigentlichen Prüfprozess und nicht die Suche nach Informationen oder das Kopieren von Daten zu konzentrieren, so Maurer. Soudronic ist sich – wie mittlerweile zunehmend mehr produzierende Unternehmen – bewusst, dass ein modernes Arbeitsumfeld heute wichtiger denn je ist, um im Wettbewerb zu bestehen. 

Plattformen für operativ Arbeitende 

Als “Connected Work” bezeichnet man die organisatorische, prozessuale und technologische Vernetzung von operativen, sogenannten schreibtischlosen Mitarbeitern. Typischerweise meint man damit anwenderzentrierte Digitalisierung für Mitarbeiter in der Produktion, Logistik oder weiteren produktionsnahen Supportprozessen. Eine Connected-Worker-Plattform stellt die technologische Lösung zur Realisierung dieser Vernetzung dar. Der Unterschied zu typischen Softwareapplikationen ist, dass Mitarbeiter in ein umfassendes digitales System eingebettet werden. Informationen werden kontextbasiert bereitgestellt, Mitarbeiter interagieren mit IoT-Equipment und sind in Echtzeit miteinander sowie mit Führungs- und Arbeitsplanungsebenen vernetzt. Die Software wird as-a-Service bereitgestellt, sodass Anwenderunternehmen von einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Lösung profitieren.

Boomender Markt für Connected Work

Laut Gartner umfasst der Markt für Connected-Worker-Lösungen bereits über drei Milliarden US-Dollar pro Jahr. In den nächsten Jahren wird er sich mehr als verdreifachen, so das prominente Marktforschungsunternehmen. Dabei benennt Gartner fünf zentrale Anwendungsfälle für Connected Work, nämlich Mitarbeiterführung, Qualität und Compliance, Training und Qualifikation, Kollaboration und kontinuierliche Verbesserung. Die Vernetzung operativer Mitarbeiter ist auf der Agenda internationaler Führungskräfte produzierender Unternehmen angekommen. Vorreiter können bereits enorme Erfolge messen, während sich ein Großteil der Unternehmen noch im Stadium Papier, ERP-Interfaces auf dem Shopfloor und fragmentierten Eigenentwicklungen befindet, sagt Benjamin Brockmann, Co-Founder und CEO von Operations1.

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Gründer Operations1 (von links nach rechts): Benjamin Brockmann, Anian Ziegler, Daniel Grobe

Während die bekannten Werkerassistenz- oder Werkerinformationssysteme lediglich kognitive oder physische Unterstützung bei Montagetätigkeiten bieten, geht eine Connected Worker Plattform weit darüber hinaus. Hier geht es um eine modular aufgebaute, auf eine ganzheitliche technologische Vernetzung der Mitarbeiter abzielende Lösung für ein breites Einsatzgebiet. Ebenso viel weitreichender sind die Vorteile einer Connected Worker Plattform gegenüber einem Werkerassistenzsystem: Zunächst steigt die Flexibilität für Unternehmen, operative Mitarbeiter einzusetzen, weil sie lediglich die Schulung für eine Software für unterschiedliche Anwendungsfälle benötigen. Gleichzeitig reduziert dies die Komplexität für die interne IT. Die Ergebnisse unserer diversen Fallstudien mit und bei unseren Kunden zeigen eindrucksvoll, welchen Mehrwert eine solche Plattform schafft. Neben messbaren Vorteilen kann sie dazu beitragen, die Flexibilität in der Organisation zu erhöhen, Wissen nachhaltig zu sichern und einen Hebel zur Gewinnung neuer Mitarbeiter darstellen, da Anreize durch ein modernes Arbeitsumfeld gesetzt sind, so Brockmann. 

Elf Vorteile einer Connected-Worker-Plattform

  1. Nachhaltige Sicherung von Prozesswissen: Digitale Aufnahme und Bereitstellung von Wissen in Echtzeit stellen einen Schutz gegen den demographischen Wandel und Fachkräftemangel dar. Auch weniger qualifizierte Mitarbeiter können Tätigkeiten durchführen.
  2. Reduzierung von Fehlern: Durch eine intuitive Prozessführung lassen sich Nacharbeit, Ausschuss und Reklamationen senken.
  3. Kürzere Reaktionszeiten: Echtzeit-Vernetzung und kontextbasierte Informationsbereitstellung beschleunigen die Problemlösung.
  4. Gesteigerte Produktivität: Durch Wegfall nicht wertschöpfender Tätigkeiten wie Suchaufwände, Datenübertragungen, Archivierungsaufwände und Co. haben operative Mitarbeiter mehr Zeit für wesentliche Aufgaben.
  5. Gesteigerte Transparenz: Prozessdaten und Vor-Ort-Befunde lassen sich einfach erheben und in Echtzeit verfügbar machen.
  6. Eliminierung von Papierkosten: Auch unter Nachhaltigkeitsaspekten ist die Einsparung von tausenden Blatt Papier pro Jahr sinnvoll.
  7. Reduzierung von Dokumentationsaufwand: Gerade in der Arbeitsvorbereitung fallen häufig enorme Aufwände für die Erstellung und Aktualisierung von Arbeitsanweisungen und Prozessbeschreibungen an.
  8. Reduzierung des Anlernaufwands: Neue Mitarbeiter werden häufig angelernt, indem sie mit erfahrenen Mitarbeitern mitlaufen. Durch die Bereitstellung von intuitiv verständlichem Wissen sind neue Mitarbeiter schneller produktiv und erfahrene Mitarbeiter werden entlastet. 
  9. Steigerung der Audit-Sicherheit: Durch die einfache Nachweisführung von durchgeführten Tätigkeiten und vorhandenen Qualifikationen steigt die Audit-Sicherheit. Für manche Branchen stellen diese Zertifizierungen Kernanforderungen für eine Zusammenarbeit dar.
  10. Steigerung der Attraktivität des Arbeitsumfelds: Neue Generationen erwarten ein Arbeitsumfeld, welches sich mit der digitalen Experience des Privatlebens vergleichen lässt. 
  11. Ein sichereres Arbeitsumfeld: Durch die digitale Aufnahme von Risiken, die Live-Kommunikation sowie die nachhaltige Auswertung von Arbeitssicherheitsprüfungen schaffen Sie ein dauerhaft sicheres Arbeitsumfeld.

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